Liebeskummer in Hamburg

Hochzeit auf dem Hurricane

Track 1: Darf ich mein Würstchen auf euren Grill legen?

Meinen romantischsten Fehltritt lernte ich auf dem Hurricane Festival kennen. Unterwegs in einer großen Truppe hatten wir Schwierigkeiten, einen Zeltplatz zu finden. Bepackt mit einem Wanderrucksack, Schlafsack, Zelt, Kühlbox und einer Palette Bier tingelten wir von einem Lager zum Nächsten. Kurz vor einem körperlichen Zusammenbruch dann die Rettung: Eine Grünfläche gleich neben einer ganzen Horde attraktiver Männer.  Das muss Schicksal gewesen sein!
Zwar hatte ich gerade noch eine Art „Kurzzeitbeziehung“, aber mir war schon aufgefallen, dass ich mich nach anderen Herren umsah. Mein aufmerksamer Blick fiel auf einen großen jungen Mann um die 30. Es machte Klick in meinem Kopf: DEN MUSSTE ICH HABEN!

Kaum waren Zelte und Grill aufgestellt, torkelte mein neuer Schwarm zielstrebig auf uns zu: „Darf ich mein Würstchen auf euren Grill legen?“ Er grinste mich an. „Hach, wie schön. Ein Mann mit Wortwitz!“, dachte ich. „Selbstverständlich!“

Wenig später kam der gutaussehende Jäger mit einer Packung Würstchen und zwei Steaks zurück. Wir verstanden einander sofort. Nicht einmal sein lautes Rülpsen während unserer Unterhaltung störte mich. „Das haben wir als Kinder zuhause doch alle gemacht“, entschuldigte ich seine Manieren. „Ein Festival ist nichts anderes als eine Kindergeburtstagsparty für Erwachsene, nur eben mit Rockmusik statt Rolf Zukowsky.“ Sein Sinn für primitiven Humor und sein Machotum amüsierten mich prächtig. Das Funkeln in seinen Augen verriet mir, dass die von mir gespürte Anziehung auf Gegenseitigkeit beruhte.

Nach einem ausgiebigen Barbecue machten wir uns „ein wenig angeheitert“ auf den Weg zu meiner damaligen Lieblingsband, „the Sounds“. Die schwedischen Rockröhren lieferten bombastisch ab! Meine beste Freundin und ich fegten über die Felder und genossen die euphorische Stimmung aus Freiheit, Schnaps und Steilgehen.

Bis zum Highlight des Abends, „the foo fighters“, war noch eine Stunde Zeit.* Bevor wir uns in den nächsten Moshpitt stürzen würden, brauchte ich eine Pause. Ich entschuldigte mich kurz und tigerte gen Dixieklo. Trotz Alkohol im Blut bekam ich diesen Zwischenstopp nur schweren Herzens über die Bühne.

Auf dem Rückweg zu meinen Freunden überkam mich eine spontane Nikotinlust. Wie es der Zufall so wollte, entdeckte ich einen einsamen Kippendreher am Stoppelfedrand. Ich gesellte mich dazu. „Hallo“, grinste ich. „Darf ich mal an deiner Zigarette ziehen?“** „Sorry?“, mein neuer Kumpel war also englischsprachig. „Hello“, freute ich mich über meine Sprachkünste, „may I have a drag of your cigarette, please?“ Bevor der arme Kerl antworten konnte, langten meine gierigen Finger in zu der Hand, die die selbstgedrehte Zigarette hielt. Alkohol senkt bekanntlich die Hemmschwelle.

„That is a Joint, honey!“ Ich schüttelte heftig den Kopf. „No, I don’t want a Joint. I want your cigarette!“ Ich griff zu.

„Honey, no, wait, that IS a Joint!“ Ich stockte und schaute nach links oben in die Luft, um meine Entscheidung kurz zu überdenken. Bis zum heutigen Tag hatte ich nie gekifft, kurzerhand war ich fest entschlossen, dies nachzuholen.

Ich gab meinem Verlangen nach und kiffte. For the first time of my life, im Alter von 26 Jahren. Blöde Idee! Marijuana und Alkohol vertragen sich bekanntlich nicht so gut. Kaum spielten die Foo Fighters ihren ersten Song, wurde mir schlecht. „Oh, oh, was jetzt?“, dachte ich mit meinen 1,2 pro Mille.**** Ich blickte zu Boden. Um mich herum standen diverse nackte Füße in Flip Flops. Wussten die denn nicht, dass in der Menge festes Schuhwerk angesagt war??

Sich hier in der Menge zu erleichtern, wäre arg asozial. Mein Blick fiel auf die Kapuze an der Jacke eines Fankollegen, die er sich um die Hüften gebunden hatte. Seine Jacke zu meinem Zweck zu nutzen, wäre zwar auch nicht nett, aber zumindest Schadensbegrenzung. Ein verdrecktes Kleidungsstück fand ich persönlich weniger schlimm als lauter vollgekotzte Käsemauken. Außerdem würde die Kleidung mit der nächsten Bierdusche bereinigt. Der Typ lächelte mich freundlich an. Mist! Jetzt mochte ich ihn nicht mehr anspucken. Es musste eine andere Lösung her. Ich brauchte Hilfe. Dann der Geistesblitz: SECURITY!

Schnell lief ich zu den Aufpassern am zweiten Wellenbrecher. Mein Rennen wandelte sich schnell zum Stolpern. Bewegung und Übelkeit vertrugen sich genauso wenig wie Saufen und Kiffen. Dann ein Lichtblick am Horizont. Neben dem Stahlzaun lag ein großer blauer Müllbeutel. Es machte erneut Klick in meinem Gehirn: DEN MUSS ICH HABEN! In Windeseile schnappte ich mir die dezente Kotztüte, ignorierte die schimpfenden Aufseher und verschwand in der Menge. Zurück in meiner Gruppe wandte ich mich lallend an meine Liebste: „Pass mal bitte auf, dass mich niemand umpogt!“ Sie nickte und organisierte drei weitere Freunde zu einem kleinen Schutzwall zusammen. Ich konnte mich in aller Ruhe übergeben. Herrlich! Das Ganze blieb dank lauter Musik, frischer Luft und hervorragender Bühnenpräsenz der Band sogar relativ unbemerkt. Nachdem ich mich erleichtert hatte, hockte ich mich auf den Boden, um kurz durchzuatmen. Besorgt strich mir eine Hand über den Rücken. „Was ist denn los mit dir? Alles okay? Du hast doch gar nicht so viel getrunken, oder?“ Ich blickte von meiner überdimensionalen Kotztüte auf: „Nee, aber ich habe gekifft!“, strahlte ich, und sprang mit ausgestreckten Armen in die Luft, um weiterzufeiern! Ich erntete Jubel und Respekt von meinen Freunden und rockte bis tief in die Nacht hinein.

to be continued…

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*Ja, ich weiß, Foo Fighters und the Sounds haben nie auf einem Festival im selben Jahr gespielt. Ich möchte zum Schutz meiner Freundin vermeiden, dass öffentlich wird, um welches Jahr es sich hier handelt.

**Nein, Mama, ich rauche nicht. Außerdem handelt es sich hier doch um die Geschichte einer Freundin!!

***Ich könnte euch an anderer Stelle erzählen, warum ich bis zu diesem Tag nie gekifft hatte. Wenn es dich interessiert, schreib mir ne kurze Mail mit „Warum nie gekifft?“. Ich neige dazu, manchmal zu sehr auszuschweifen.

****Ja, die hatte ich auf dem Rückweg bei einer netten Frau messen lassen. Ich glaube, sie kam von einem Suchtpräventionsprojekt. Ich erinnere das so genau, weil ich noch dachte: „Krass, mit nur 0,4 weniger hätte ich früher in Deutschland noch Auto fahren dürfen!“

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