Liebeskummer in Hamburg

Hochzeit auf dem Hurricane – Teil 2

Track 2

Das restliche Konzert über erntete ich immer wieder Anerkennung für mein Durchhaltevermögen! Ich konnte also ohne jegliche Scham mit meinem überdimensionalen Täschchen in der Hand weiterfeiern. Hin und wieder musste ich zwar in meiner royalblauen (Müll-)Kotztüte verschwinden, hatte aber trotzdem jede Menge Spaß! Sogar mein Schwarm schien von meinem „kleinen Fauxpas“ nicht abgeschreckt! Er stand weiterhin zu mir. In Guten und in schlechten Zeiten, dachte ich mir. Seine Frage, ob ich seine Packung Zahnpflegekaugummi essen wollte, verstand ich ebenso als Fürsorge,- auch wenn ich da vielleicht schon ein wenig misstrauisch hätte werden können. Nach dem Konzert verspürte ich größeres Unwohlsein und das plötzliche Bedürfnis, allein sein zu wollen.

„Ich will nach Hause“, schwallte ich in das Ohr meiner besten Freundin. „Jetzt schon?“ Ich nickte traurig: „Mir geht es nicht so gut.“ Sie lachte: „Wieso das denn bloß?!“ „Ich geh jetzt!“, rief ich meinen Kumpels und meinem Angebeteten zu und winkte. „Ich komm mit“, kündigte sich mein Schwarm an. Verdutzt schielte ich ihn an: „Ich geh jetzt zurück zum Zeltplatz, ne?!“ „Ja, ich komme mit.“ Mein Stirn schlug Falten. Ich brauchte nun wirklich keinen Begleitschutz und den Abend wollte ich ihm jetzt auch nicht verderben. „Ich bin auch müde“, fügte er hinzu. Meine Ohren wurde hellhörig: „Ich geh aber wirklich schlafen.“ „Ja, ich komme mit.“ Um ganz sicher zu gehen, dass ich in meinem Suff keinen mündlichen Vertrag einging, den ich nicht einhalten wollte, stellte ich unmissverständlich klar: „Also, ICH GEH IN MEIN ZELT UND DU IN DEINS!“ „Yes, Ma’m“, mein Angebeteter imitierte Soldatengehorsam, in dem er die Füße zusammenschlug und mit der Hand grüßte. Manchmal war ich aber auch wirklich zu misstrauisch.

Wir machten uns auf dem Rückweg. Ich hakte mich ein. Diese Stoppelfelder waren wahnsinnig uneben und ich fühlte mich mit meinem Prinzen durch unsere gemeinsame Müdigkeit noch verbundener. Er legte den Arm um mich und massierte mir dabei sanft die Schulter. Leise meldete sich die Motivation, meinen Prinzipien und meiner Kurzzeitbeziehung untreu zu werden. Verdammt!

An unserem Lager angekommen, bedankte ich mich höflich für die nette Wegbegleitung, verschwand schnurstracks in meiner Höhle und zog den Reißverschluss des Eingangs ganz fest zu. Sicher war sicher.

Der Rest des Wochenendes verlief ähnlich heiter, jedoch ohne weitere Magenviren und Glanzauftritte meinerseits. Dafür mit jeder Menge Trinkspiele, Spaß und Spannung zwischen mir und meinem Angebeteten. Meiner Kurzzeitliebe und meinen Prinzipien blieb ich trotzdem treu, auch wenn die Verlockung, diese über Bord zu werfen, wahnsinnig groß war! Ich war stolz auf mich! Meine beste Freundin lobte mich, meine Kumpels schüttelten verständnislos den Kopf: „Du willst doch eh Schluss machen!“

Zum Glück für unsere physische und geistige Gesundheit neigt sich auch das schönste Festival irgendwann dem Ende zu. Am Montag Mittag waren die meisten Gäste abgereist. Statt Alkoholfahnen und Bässen wehten nur  leere Konserven, Pavillongerüste, Holzkohlenstaub und eine seichte Melancholie über die abgegrasten Felder. Auch unser Zeltplätzchen würde sich bald in einem Haufen blauer Müllsäcke auflösen. Während die letzten Würsten auf dem Grill schmorten, träumten wir vom Festival-Zigeunerleben. Es würde schließlich reichen, wenn einer von uns arbeiten ginge. Wir brauchten doch kaum etwas, um glücklich zu sein, abgesehen von Grill, Schlafsack, Zelt und einiger Grundnahrungsmittel. Meine beste Freundin holte mich zurück in die Realität: „Ich glaub, ich will jetzt gleich mal los.“ Schnell hielt ich mir die Ohren zu! Während meine Hände auf meinen Ohren ruhten, erinnerte ich, dass sie nicht nach Hamburg zurück, sondern zu ihrem Freund nach Bremen fahren wollte. Ich würde also Bahn fahren müssen. Erschrocken blickte ich sie an.

Wie es der Zufall so wollte, fand ich jedoch schnell einen Reisebegleiter. Mein neuer Schwarm kam auch aus Hamburg. Das Schicksal meinte es wirklich gut mit uns! Am Hamburger Hauptbahnhof angekommen, dann der Schock: Ich hatte meinen Haustürschlüssel in dem Handschuhfach meiner Freundin vergessen. Zu allem Überfluss war der Ersatzschlüssel in dem Besitz meines Kurzzeitfreundes. Ich war wenig erpicht darauf, ihm oder seinen Kollegen im Büro nach vier Tagen Rockfestival zu begegnen. „Du kannst gern mit zu mir kommen“, grinste mein Traumprinz. Ganz wohl war mir bei dem Gedanken nicht. Andererseits konnte ich mir für unser erstes gemeinsames Festivalwochenende auch kein schöneres Ende vorstellen. Es war schon arg romantisch! Das könnte ich eines Tages unseren Enkelkindern erzählen. Zumindest Ausschnittsweise.

Meine Vernunft übernahm: „Zumindest wäre es wirklich gut, wenn ich bei dir duschen könnte, dann kann ich anschließend meinen Schlüssel abholen fahren. Mein Angebeteter warnte mich davor, dass er gerade erst frisch eingezogen war und die Dusche sich in der Küche befand. Aber das würde mir sicher nichts ausmachen, zwinkerte er mir zu.

In seiner Altonaer Wohnung angelangt, erwies er sich mehr als Kavalier als gedacht. Er verließ die Wohnung direkt wieder, um uns Kaffee zu besorgen und ließ mir ausreichend Zeit zum duschen. Ein richtiger Gentleman blinkte es an meinem rosaroten Horizont. Nachdem wir beide nicht mehr nach Iltis rochen, lagen wir noch eine ganze Weile auf den Liegestühlen in seinem Wohnzimmer. Eine Couch besaß er noch nicht. Wir lachten viel und unterhielten uns angeregt, – worüber erinnere ich nicht. Viel länger würde ich nicht bleiben können, ohne meinen Kurzzeitfreund zu betrügen. Schweren Herzens machte ich mich auf den Weg, um meinen Schlüssel abzuholen. Am Abend beendete ich meine Beziehung. Unserem großen Glück stand fortan nichts mehr im Wege!

to be continued…

 

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