Liebeskummer in Hamburg

Gelegenheit schafft Liebe – große Gefühle in Hamburgs kleinen Stuben

Gelegenheit schafft Liebe.

Meine Freundin arbeitet in einem Hamburger Großkonzern, anders gesagt, einer der größten Offline-Single-Börsen der Stadt. Das Unternehmen wimmelt von Pärchen und Ehepaaren, die sich in bereichsübergreifenden Projekten oder der Kantine kennengelernt haben. Auch sie wollte eines Tages dieser glücklichen Gruppe angehören.

Wann spreche ich den hübschen Kollegen endlich an?

Wie jeden Morgen wollte ich gemeinsam mit mindestens 10 unbekannten Kollegen mit dem Bus zur Arbeit fahren. Am Busbahnhof Altona fiel mir ein junger Mann auf, der verschlafen mit einem Kaffee in der Hand und Kopfhörern im Ohr in die Gegend starrte. Den kannte ich doch aus der Kantine?! Wir stiegen gemeinsam in den Bus. Er bemerkte mich nicht. Statt sich hinzusetzen, blieb er im Gang stehen. Meine Versuche durch ein charmantes Lächeln auf mich aufmerksam zu machen, scheiterten. Dafür fühlte sich ein anderer Kollege angesprochen: „Moin! Auch auf dem Weg zur Arbeit?“ Ich wurde in ein Gespräch verwickelt und musste meine Flirtversuche notgedrungen einstellen.

Fortan freute ich mich jeden Morgen auf meine Busfahrt zur Arbeit. Je später ich mit der Arbeit begann, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass mein entfernter Kollege auch im Bus sein würde. Doch selbst wenn ich ganz dicht neben ihm ausstieg, nahm er von mir keinerlei Notiz. So schwärmte ich eine ganze Weile unbemerkt vor mich hin. Ich wurde wörtlich gesehen zur Stalkerin, wenn ich ihm dicht auf den Fersen durch die Drehtür folgte.

Wie es wohl wäre mit diesem Mann zusammen zu sein? Wenn man so einen schönen Freund hätte? Einen Mann, mit dem man in der gleichen Firma arbeitete? Bestimmt arbeitete er im Marketing, so wie der aussieht. Ob er eine Freundin hat und deshalb so ignorant war? All meine Fragen blieben unbeantwortet. Bis zu dem glücklichen Abend, an dem ich volltrunken in das Roschinsky’s stolperte.

Was erblickten mein schielenden Augen da? Den schönen Mann aus dem Bus! Geradewegs steuerte ich auf ihn zu: „Bist du nicht der schöne Mann aus der 177?“ Ich muss ihm dabei mit meinem Gesicht ziemlich nahe gekommen sein, denn er wich leicht erschrocken zurück. Dann lächelte er freundlich: „Ja! Kennen wir uns?“

Gelegenheit schafft Liebe:

„Nee, aber ich lauf dir seit Wochen hinterher!“ Er lachte: „So blind kann ich doch gar nicht sein!“ Mit ein wenig Frust in der Stimme antwortete ich sehr überzeugend: „Doch!“ 

Wie vermutet, arbeitete der junge Mann im Onlinemarketing und hatte zu meiner große Freude keine Partnerin. Kurze Zeit später standen wir eng umschlungen an der Bar. Er konnte toll küssen! Ein fürsorglicher Mann tippte mir auf die Schulter: „Hey, wollt ihr nicht lieber nach Hause gehen? Der Typ zieht dich hier fast aus!“ Ich blickte ihn verwundert an. Dann schaute ich an mir herunter. Das Kleid, das ich trug, hatte ich noch an. Es war jedoch recht weit hochgeschoben. Die kleine Speckfalte über dem Strumpfhosenbund stellte ich an sich nicht gern zur Schau. „Oh danke!“ Jetzt hieß es nachzudenken. Ob es schlau war, meine neue Errungenschaft gleich mit nach Hause zu nehmen? HA! Kein Problem, immerhin wusste ich ja, wo er arbeitete.

„Willst du mit zu mir kommen?“ Der junge Mann strahlte : „Wo wohnst du denn?“ „In Altona“, antwortete ich. Wir fuhren mit dem Taxi zu mir und landeten im Bett. Mein erster One-Night-Stand, freute ich mich insgeheim. Dann die große Überraschung:

„Ich schlafe heute nicht mit dir. Du bist viel zu betrunken.“ Autsch“, ich war peinlich berührt. „Ich schlafe auf jeden Fall noch mit dir, aber nicht heute.“

Zufrieden kuschelte ich mich an meinen selbstbewussten Gentleman. Mein Marketing-Manager sollte recht behalten. Er war zwar nicht die Liebe meines Lebens, aber wir hatten eine wundervolle Zeit!

Warum ich diese Geschichte gerade heute mit euch teile?

Gelegenheit schafft Liebe. Im Zuge der Gentrifizierung häufen sich Lärmbeschwerden, steigende Mieten und behördliche Auflagen bedrohen die Existenz kleinerer Clubs. Wenn ihr wie ich dafür seid, dass Hamburgs kulturelle Vielfalt erhalten bleibt, bitte ich euch, die Kampagne FuturMusicCityHH zu unterstützen:

https://www.openpetition.de/petition/online/futuremusiccity-deine-stimme-fuer-eine-vielfaeltige-und-kreative-clublandschaft-in-Hamburg

Wer von euch hat nicht schon nicht schon eine Nacht auf dem Hamburger Berg durchgetanzt, den Kiez im Suff zum romantischsten Ort der Welt erklärt oder ein phantastisches Konzert abseits der Mainstreamhallen miterleben dürfen?

Ob Singer-Songwriter, Metaljungs, Indie Band, Hip-Hopper, Deutsch-Rapper, Soul Smasher oder Herzensbrecher – Hamburg schenkt allen ihre Bühne. Selbst Adele hatte ihr Hamburger Debüt 2007 im Grünen Jäger vor nur 52 Zuschauern.

Wo sonst treffen sich jedes Wochenende hunderte von Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Prestige oder Herkunft, um sich zu vergnügen oder einfach mal los zu lassen?

Ein anonymer Anruf bei der Polizei genügt, um einer ganzen Gemeinschaft den Abend zu vermiesen. Brauchen wir zukünftig Kopfhörerkonzerte?

Das Recht des Einzelnen steht wirtschaftlichen Existenzen, kultureller Vielfalt und einem nicht vorhandenen Gruppenrecht auf Vergnügen gegenüber – und gewinnt. In Stadtteilen, in denen sich eine Clubszene neu entwickelt, ist das aus meiner Sicht nachvollziehbar. Aber in den traditionellen Ausgehvierteln? Dürfen die Bewohner und Eigentümer von Neubauten verlangen, dass alle anderen ihre Gewohnheiten ändern und im Zweifelsfall an den Stadtrand ziehen oder ihre Existenz aufgeben? Nach dem deutschen Gesetz schon.

Die Clubbetreiber stehen aktuell im Dialog mit der Kulturbehörde, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen, wie Hamburgs kreative Clubszene auch zukünftig erhalten bleiben kann. Um zu verdeutlichen, dass es sich hierbei nicht um individuelle Interessen der Veranstalter handelt, können wir mit unserer Unterschrift ein Zeichen setzen.

https://www.openpetition.de/petition/online/futuremusiccity-deine-stimme-fuer-eine-vielfaeltige-und-kreative-clublandschaft-in-Hamburg

Danke an Thore Debor, Geschäftsführer des Hamburger Clubkombinat e.V., der Verband der Hamburger Musikclubs und Veranstalter, für die Hintergrundinformationen und Beantwortung meiner Fragen.

 

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