Liebeskummer in Hamburg

Der Versuch, mich mit Tinder sexuell abzulenken

Heute treffe ich Daniel, 34, aus St. Gallen. Er lebt seit sieben Jahren mit seiner Lebensgefährtin in Ottensen. Sexuell haben die beiden ihre Beziehung seit vier Jahren geöffnet. Seine Ehrlichkeit im Chat auf Tinder hat mir von Anfang an gefallen, seine Fotos fand ich mittelmäßig. Ihm geht es nicht um schnellen Sex, sondern darum, interessante Leute kennenzulernen. Wenn mehr dabei rumkommt, umso besser. Klingt unkompliziert, denke ich, und verabrede mich mit ihm im Park Café in der Susannenstraße.

Schon als ich die engen Lederhandschuhe sehe, habe ich einen heimlichen Verdacht. Attraktiv finde ich ihn nicht. Sympathisch? Ich weiß nicht genau. Nicht sonderlich. Kann ich wieder gehen? Wäre unhöflich, aber ehrlich. Schade, dass wir das nicht vorab geklärt haben.

Das Gespräch ist nett, wir reden höflich über belangloses Zeug. Er fragt, was ich mache. Ich erzähle von meinem Job als Onlineredakteurin. Dabei erwähne ich, dass ich es immer nett finde, über Tinder Leute kennenzulernen. Das ein oder andere Mal wurde ich dadurch auf interessante Themen gebracht. Er wird hellhörig: „Benutzt du mich gerade?“, er grinst mich an und zieht dabei eine Augenbraue hoch. „Nein“, lüge ich. Nicht in dem Zusammenhang, den er erwartet. Tatsächlich ist es neu für mich, einen liierten Mann zum Mittagessen zu treffen, um auszuchecken, ob er mich sexuell von meinem Kummer ablenken könnte.

Nach einer Weile geht es zur Sache. Daniel macht dezente Andeutungen zu seinen sexuellen Vorlieben. Dabei streicht er mit dem Zeigefinger am Glasrand seiner Apfelschorle entlang. Erinnert mich an einen alten James Bond Film,- ich grinse innerlich und freue mich bereits darauf, meinen Mädels von dieser Geste zu berichten. Während er von den sexuellen Musen seines Lebens berichtet, schweife ich gedanklich ab: Ob ich je wieder einen anderen Mann attraktiv finden werde?* Selten hatte ich so wenig Lust auf körperliche Nähe wie in der letzten Zeit. Ist das normal?

Ich kehre mit meiner Aufmerksamkeit zu der Unterhaltung zurück. Daniel schreibt die sexuellen Phantasien, zu denen ihn die Frauen neben seiner Partnerin anregen, auf. „Spannend“, entgegne ich und flunkere erneut. Es interessiert mich nicht. Ich denke an meinen Ex und die Phantasien, die wir geteilt haben. Gleich flipp ich aus. Hat mein Ex mir mit der Trennung nicht schon genug weh getan? Muss er mir jetzt auch noch meine Zukunft versauen? Ich spiele mit dem Gedanken, ihn auf Schmerzensgeld zu verklagen . Ob es einen Juristen gibt, der sich mit so etwas auskennt?**
„Annika?“

Oh, ich habe wohl eine Weile nicht mehr an der Konversation teilgenommen. „Sorry, ich war abgelenkt. Was hast du gefragt?“

„Ob wir zahlen wollen?“

„Klar.“

Wir möchten wohl beide kein Dessert.

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Was macht man eigentlich mit Dates, bei denen man nicht so wirklich weiß, ob man lachen oder weinen soll?

Man schreibt ein Buch darüber!

 

*Ja! Ziemlich viele sogar.

** Dieser Jurist soll sich bitte bei Hannah melden.